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linhart Offline




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Fri Oct 07, 2011 11:19 am
LYSIS: Akkusativ auf -IM? Quote · reply

Unter LYSIS ist in der Spellcheckerliste eigens die Form LYSIM angeführt. Ich kann weder in der lateinischen noch in der griechischen Grammatik einen Hinweis darauf finden, dass das eine gültige Form ist.

Es gibt allerdings lateinische Wörter auf -IS mit Akkusativ auf -IM, wie z.B. TUSSIS. Kann es sein, dass LYSIS nach diesem Schema dekliniert wird?


Bussinchen Offline




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Fri Oct 07, 2011 11:40 am
#2 RE: LYSIS: Akkusativ auf -IM? Quote · reply

TUSSIS gehört bekanntlich zu den i-Stämmen der 3. lateinischen Deklination; daher die Akkusativ-Endung -im.

Interessant ist auch, dass bei unserer OCE-Stelle bei Plinius für den anderen Vogel, die Drepanis, der Akkusativ von manchen Herausgebern in der Form drepanim mit -m, von anderen in der Form drepanin mit n gewählt wurde.

Ich werde aber mal schauen, was ich zu dem Gräzismus LYSIS bzw. in meiner Organon-Grammatik finde. Auf Anhieb kann ich leider nichts dazu sagen.


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Bussinchen Offline




Posts: 2

Sat Oct 08, 2011 2:51 am
#3 RE: LYSIS: Akkusativ auf -IM? Quote · reply

Zitat von L&S
lysis, is, f., = λυσις.
I. A loosening, rupture : trabes frangunt suā lysi structuras, Vitr. 6, 11.—
II. A talon, ogee, Vitr. 3, 4, 5; 5, 6, 6.


Im Langenscheidt Altgriechisch - Deutsch finde ich schon mal den Genitiv von LYSIS:
ἡ λύσις, εως - Lösung...
D.h. es gehört der 3. Deklination an. Ich vermute stark, dass LYSIS nach dem Muster von POLIS gebeugt werden müsste.

http://www.gottwein.de/GrGr/GGrDekl03.php und meine Organon-Grammatik:


Singular: Plural:
.
Nom. πόλις Nom. πόλεις
Gen. πόλεως Gen. πόλεων
Dat. πόλει Dat. πόλεσι(ν)
Akk. πόλιν Akk. πόλεις
Vok. πόλι


Dann müsste LYSIS eigentlich wie POLIS und latiniseirt wie BASIS gebeugt werden, siehe
http://perseus.uchicago.edu/cgi-bin/phil...rseusMonographs

SINGULAR:        PLURAL:
.
NOM. basis NOM. basēs
GEN. baseōs GEN. basium (-eōn)
DAT. basī DAT. basibus
ACC. basin ACC. basīs (-eis)
ABL. basī ABL. basibus


SINGULAR:         PLURAL:
.
NOM. lysis NOM. lysēs
GEN. lyseōs GEN. lysium (-eōn)
DAT. lysī DAT. lysibus
ACC. lysin ACC. lysīs (-eis)
ABL. lysī ABL. lysibus


Aber <seufz>, woher soll ich nur wissen, ob auch der Akkusativ auf -im zulässig ist...

Ich lese auf http://perseus.uchicago.edu/cgi-bin/phil...rseusMonographs:

Most stems in ĭd- (nom. -is) often have also the forms of i-stems: as tigris, gen. -ĭdis (-ĭdos) or -is; acc. -ĭdem (-ĭda) or -im (-in); abl. -ĭde or -ī. But many, including most feminine proper names, have acc. -idem (-ida); abl. -ide, —not -im or -ī. (These stems are irregular also in Greek.)

Da LYSIS nun aber keinen Stamm auf -id- hat, kann man dann wirklich davon ausgehen, dass die Akkusativendung nicht -im lauten darf, obwohl die Formen LYSI, LYSIUM und LYSIS schon irgendwie wie die von i-Stämmen klingen (ans Paradigma von TUSSIS erinnern)?!


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linhart Offline




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Sat Oct 08, 2011 6:05 am
#4 RE: LYSIS: Akkusativ auf -IM? Quote · reply

Im Griechischen wird lysis schon so dekliniert werden, wie du sagst. Aber wir können das nicht übernehmen, weil im L&S als Genitiv-Endung -is angegeben ist, und nicht -eos. Ich sehe das als Hinweis dafür, dass lysis im Lateinischen nach dem Muster von TUSSIS oder TURRIS zu deklinieren ist. Nach der Allen/Greenough-Grammatik endet bei diesen Wörtern der Akkusativ auf -IM, es ist aber auch -EM möglich.
Der Ablativ kann auf -I oder -E enden.

http://perseus.uchicago.edu/cgi-bin/phil...rseusMonographs

So steht es auch in der Spellchecker-Datei.

Die Angaben in Rubenbauer/Hofmann § 37f. sind hier eher vage. Obwohl bei turris der Akkusativ nur mit -IM angegeben ist, steht unter "3. Gruppe" etwas anderes. Aber das gehört eigentlich in einen eigenen Thread.

Für LYSIS habe ich jetzt also folgende Formen:

lyse, lysem, lyses, lysi, lysim, lysibus, lysis, lysium


Bussinchen Offline




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Sun Oct 09, 2011 1:49 am
#5 RE: LYSIS: Akkusativ auf -IM? Quote · reply

Stimmt, das hatte ich im Eifer des Gefechts wieder übersehen, dass der Genitiv von LYSIS im L&S mit LYSIS angegeben ist. Dann kommt LYSEOS natürlich nicht in Frage.

Zu den reinen i-Stämmen gehören im Lateinischen eigentlich nur sehr wenige Wörter, die bei Rubenbauer/Hofmann auch explizit genannt sind (§37, 2. Gruppe). Diese sind
• Feminina (einige Ausnahmen nach dem natürlichen Geschlecht, wie z.B. der Fluss Tiber: Tiberis mask.) und gleichsilbig, d.h. diese haben im Nom. und Gen. Sing. die gleiche Anzahl Silben
• die Neutra auf -e (mare), -al (animal) und -ar (calcar), die sprachhistorisch gesehen ursprünglich gleichsilbig waren.

Die reinen i-Stämme haben abweichend von den Konsonantenstämmen im Akk. Sing. die Endung -im, im Abl. Sing. die Endung -i und im Gen. Plur. die Endung -ium.

Es gibt aber auch die sogenannte Mischklasse. Typisch für die Mischklasse ist, dass diese Wörter im Singular wie Konsonantenstämme gebeugt werden (d.h. der Akk. Sing. hat die Endung -em, der Abl. Sing. die Endung -e), während sie im Plural wie die i-Stämme gebeugt werden (d.h. der Gen. Plur. hat die Endung -ium). Ich habe das sicherheitshalber sogar noch einmal in meinem alten Lateinbuch Exercitia Latina nachgeschaut, das wir am Gymnasium hatten. Da steht das natürlich vereinfacht drin, damit die Schüler, die mit Latein beginnen, das leicht kapieren - nicht so umständlich wie in der Rubenbauer/Hofmann-Grammatik.

Wenn man im Rubenbauer/Hofmann §37-38 liest, dann kann man für LYSIS schon mal festhalten:

• LYSIS, LYSIS ist gleichsilbig und feminin und hätte damit die Voraussetzungen für die Zugehörigkeit zu den i-Stämmen erfüllt.
• Wenn man die Endung -i des Ablativs basis auf LYSIS übertragen würde, dann sähe das schon verdammt nach einem i-Stamm aus.
• Der Genitiv LYSIUM ist gesichert, egal ob i-Stamm oder Mischklasse.

Wenn man nun die Formen analysiert, die du, lieber Linhart, in deiner Spellcheckerliste gefunden hast, dann sieht das Paradigma folgendermaßen aus:


i-STAMM (Typ turris) MISCHKLASSE (Typ navis)
.
SINGULAR: PLURAL: SINGULAR: PLURAL:
.
NOM. lysis NOM. lyses NOM. lysis NOM. lyses
GEN. lysis GEN. lysium GEN. lysis GEN. lysium
DAT. lysi DAT. lysibus DAT. lysi DAT. lysibus
ACC. lysim ACC. lysis ACC. lysem ACC. lyses
ABL. lysi ABL. lysibus ABL. lyse ABL. lysibus

Da die Form lysis (Nom. Sing., Gen. Sing. und, falls i-Stamm, evtl. auch Akk. Plur.) mehrdeutig ist und da lysi sowohl Dat. Sing. als auch Abl. Sing. sein kann, sofern lysis zu den i-Stämmen zu zählen ist, könnte lysis theoretisch ein i-Stamm sein oder der Mischklasse angehören. Spellchecker hat sich nicht festgelegt, wie man an den beiden alternativen Akkusativ-Singular-Endungen sehen kann. Es ist aber auch ein Pech, dass ausgerechnet die Formen, die die i-Stämme eindeutig charakterisieren könnten, zweideutig sind und in mehreren Kasus vorkommen, sodass eine eindeutige Zuordnung zu dem einen oder dem anderen Paradigma nicht möglich ist.

Was soll ich nun sagen. Ich bin nicht imstande, eine eindeutige Aussage zum korrekten Beugungsschema von LYSIS zu machen. Spellchecker hat es offensichtlich auch nicht gekonnt. Man müsste in einem umfassenden Textcorpus nachsehen, welche Form im Akk. Sing. überliefert ist, und selbst dann könnten wir nicht sicher sein, weil immer ins Kalkül einbezogen werden muss, dass die entsprechenden Textstellen in den Handschriften verderbt sind und dass es verschiedene Lesarten gibt, von denen mehrere wahrscheinlich falsch sind.

Aber ich habe Argumente, die dafür bzw. dagegen sprechen, dass LYSIS den i-Stämmen zuzuordnen ist.

Pro i-Stamm:

Phonetische Gründe: Wenn wir uns das Paradigma von basis in meinem vorigen Beitrag ansehen, dann klingen die Formen des Akk. Sing., Abl. Sing. und Akk. Plural (nicht die in Klammern) aufgrund des Phonems /i/ tatsächlich mehr nach i-Stamm als nach Mischklasse. Wenn man aus diesem Grund basis zu den i-Stämmen zählen würde, dann könnte man LYSIS aus Analogiegründen ebenfalls zu den i-Stämmen zählen.

Contra i-Stamm:

Häufigkeit des Vorkommens reiner i-Stämme: Es gibt meines Wissens nur ganz wenige feminine Wörter auf -is, die zu den reinen i-Stämmen gehören. Im Wesentlichen sind dies: turris, tussis, febris, puppis, securis, sitis, vis. Die meisten gehören der Mischklasse an.

Linhart, vielleicht kannst du nun etwas dazu sagen...


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linhart Offline




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Sun Oct 09, 2011 6:17 am
#6 RE: LYSIS: Akkusativ auf -IM? Quote · reply

Ich habe jetzt eine Beobachtung gemacht, die einerseits erklärt, warum Spellchecker die Form LYSIM hat, und andererseits dafür spricht, dass diese Form nicht korrekt ist:

Das Word Study Tool der Perseus-Site kennt nämlich die Form LYSIM:
http://www.perseus.tufts.edu/hopper/morp...m&la=la#lexicon

Wenn man aber auf dieser Seite neben dem klein geschriebenen "lysis" auf "Search" klickt, dann erhält man zwei Literaturbelege, bei denen Lysim mit großem Anfangsbuchstaben vorkommt. Bei Lysis handelt es sich aber um ein männliches Wort, das wohl nicht als Muster für lysis gelten kann. (Oder doch ??)

Es scheint also so zu sein, dass das Word Study Tool die Großschreibung ignoriert und daher irrtümlich lysim als belegte Form von lysis ansieht.

Da wir auch sonst keine Beleg für lysim haben und die von dir angegebenen Argumente eher dagegen sprechen (vor allem die Seltenheit reiner i-Stämme), werde ich lysim (vorläufig) als ungültig markieren.

Die Tatsache, dass BASIM nach L&S eindeutig belegt ist, gibt mir aber schon zu denken ...


Bussinchen Offline




Posts: 2

Sun Oct 09, 2011 1:44 pm
#7 RE: LYSIS: Akkusativ auf -IM? Quote · reply

Gute Beobachtung, Linhart! LYSIM im Perseus-Word-Study-Tool kannst du vergessen!

Ich habe mir nämlich spaßes- und interessehalber mal die Livius-Stellen angeguckt, auf die auf http://www.perseus.tufts.edu/hopper/sear...lysim&target=la verwiesen wird. Wenn man dort auf den Link book 35, chapter 15 klickt, kommt man auf diese Seite: http://www.perseus.tufts.edu/hopper/text...highlight=lysim

Dort angelangt, klicke ich bei Lysim. der Reihe nach auf die Links 32.34.6; 33.38; 34.58 und gelange zu den englischen Übersetzungen der besagten Livius-Textstellen. Interessanterweise ist dort stets von den Namen Lysimachia (einer Stadt in der heutigen Türkei --> http://de.wikipedia.org/wiki/Lysimacheia_(Thrakien) ), von den Lysimachiern (den Einwohnern dieser Stadt) und dem König Lysimachos die Rede. Dies bestätigt sich, wenn man auf Wikisource den lateinischen Originaltext von Livius einsieht, z.B. hier:

http://la.wikisource.org/wiki/Ab_Urbe_Condita/liber_XXXIV (ich arbeite dann immer mit der Google-Wortsuche und lokalisiere die Stellen, wo z.B. der Textstring "Lysim" steht.)

Es bestätigt sich, dass das Word Study Tool von Perseus sehr zu wünschen übrig lässt. Von dem vermeintlichen Akkusativ des Substantivs lysis ausgehend auf den Namen Lysimachos & Co. als Belegstelle zu verweisen, ist nun wahrlich keine Leistung, mit der sich Perseus brüsten kann! Bedarf es wirklich zweier verschrobener 3D-Scrabbler - nämlich eines Linharts und einer Bussinatrix - um diesen Dingen auf den Grund zu gehen?! Man sollte Perseus glatt einmal anschreiben und auf diese Fehler hinweisen. Irgendjemand sollte diese schlimmen, irreführenden Perseus-Bugs doch irgendwann mal beseitigen... Insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass Perseus bei den Usern sehr seriös und wissenschaftlich rüberkommen will...

Halten wir fest: Für die vermeintliche Akkusativform LYSIM haben wir also bislang keinen Beleg. Stattdessen haben wir - quasi als Nebenprodukt unserer Arbeit - wieder einmal einen schlimmen Fehler bei Perseus aufgedeckt.




Zitat von linhart
Die Tatsache, dass BASIM nach L&S eindeutig belegt ist, gibt mir aber schon zu denken ...


băsis, is and ĕos (gen. basis, Vulg. 3 Reg. 7, 27; 7, 34: baseos, Vitr. 10, 15; acc. usu. basim, but BASEM, Inscr. Orell. 1263 al.: basidem, Ven. Fort. 8, 14; abl. usu. basi, but base, Treb. Pol. Gall. 18, 4; Inscr. Grut. 63, 3: BASIDE, ib. 16, 14; gen. plur. BASIVM, Inscr. Orell. 3272), f., = βασις, a pedestal, foot, base.
I. In gen.: in basi statuarum, Cic. Verr. 2, 2, 63, § 154; 2, 2, 66, § 160; 2, 4, 34, § 74; id. Phil. 9, 7, 16: quo (sc. ad sepulcrum) cum patefactus esset aditus, ad adversam basim accessimus, id. Tusc. 5, 23, 66: colossici Apollinis basis, Vitr. 10, 6: supra basim eriguntur regulae, id. 10, 13; Ov. P. 3, 2, 52; Phaedr. 2, epil. 2; Plin. 17, 25, 38, § 244; Suet. Vesp. 23; Inscr. Orell. 49; Vulg. Exod. 26, 19: villae,the foundation-wall Cic. Q. Fr. 3, 1, 2, § 5.—
B. Trop. : bases virtutis,foundations Vulg. Ecclus. 6, 30.—
II. In partic., prov.: aliquem cum basi suā metiri, to measure a pillar together with its pedestal, i. e. to give false measure, to estimate too high, Sen. Ep. 76, 31.—
III. Esp.
A. In math.: basis trianguli,the base of a triangle Cic. N. D. 2, 49, 125: arcus,the chord of an arc Col. 5, 2, 9; 3, 13, 12.—
B. In archit., the lowest part of the shaft of a column, Vitr. 4, 1, 6 (our pedestal is expressed by spira, q. v.).—
C. In gram., the primitive word, the root, Varr. ap. Non. p. 79, 33.—
D. Of cattle, a track, footprint, Veg. 1, 25, 6; 1, 26, 1; 1, 3, 46 al.

Wir sehen im L&S-Eintrag zu băsis, dass sowohl die griechische Genitivendung băsĕos als auch die latinisierte Genitivform băsis angegeben und auch belegt sind. Wir sehen des Weiteren, dass der Gebrauch schwankt: teils sind die Formen belegt, die den i-Stämmen entsprechen, teils die Formen, die der Mischklasse entsprechen. Es gibt sogar Belege für eine ungleichsilbige Stammform băsid-. Ich sehe aber, dass die in höherem Grade latinisierten Formen băsis, băsem, basidem, baside, die der Mischklasse und dem ungleichsilbigen Stamm auf -id- entsprechen, bei weniger bekannten bis unbekannten und somit weniger seriösen Autoren belegt sind. Zu Letzteren zähle ich die anonymen Autoren der Vulgata, die im Vergleich zum Zentrum des Römischen Reichs, Rom und Italien, ja "nur" in einer sehr entlegenen, östlichen Provinz des römischen Reichs lebten und daher nicht unbedingt stilistisch reines, "klassisches" Latein sprachen, aber auch die Autoren von Inschriften, die nicht zu den Literaten gezählt werden können (vgl. meine Ausführungen zur Beurteilung der Glaubwürdigkeit von Belegen in Inschriften am Beispiel von SAXUS --> SAXUS). Vitruv halte ich hingegen für eine weitaus zuverlässigere Quelle, da dieser in seiner "beruflichen" Position ein gebildeter Mann war, der garantiert auch des Griechischen mächtig war. So verwendet Vitruv beispielsweise die mehr am Griechischen orientierte Genitivform băsĕos; andere klassische lateinische Autoren wie Cicero, Ovid und Seneca verwenden die Formen Akk. băsim und Abl. băsi, die den Formen der reinen i-Stämme entsprechen. Ich glaube hier erkennen zu können, dass es vom Bildungsgrad der Autoren abhängt, welche Beugungsformen verwendet werden.

Darf ich nun einen Vergleich zum Deutschen heranziehen. Nehmen wir einmal den deutschen Gräzismus Schema. Im Duden steht:

Sche|ma, das; -s, Plur. -s und -ta, auch Schemen (Muster, Aufriss; Konzept); nach Schema F (gedankenlos u. routinemäßig)
© Duden - Die deutsche Rechtschreibung, 25. Aufl. Mannheim 2009 [CD-ROM]


Wir sehen also, dass gleich drei verschiedene Pluralformen zulässig sind: Schemas, Schemata, Schemen. Ich möchte mir zwar nicht anmaßen, dass ich gebildeter sei als andere, aber mir persönlich würde es total widerstreben, die Pluralformen Schemen und Schemas zu verwenden. Ich, die ich Griechisch gemacht habe und das Graecum habe, sage grundsätzlich Schemata. Jemand, der kein Griechisch kann, wird möglicherweise dem Plural Schemen den Vorzug geben. Was ich damit sagen will, ist, dass manchmal eben auch verschiedene Formen ein und desselben Wortes koexistieren, die allesamt als korrekt einzustufen sind.




Meine Quintessenz:

Meinen obigen Ausführungen entsprechend tendiere ich mittlerweile fast dazu, den Fall LYSIS analog zum Fall băsis zu behandeln und den Akkusativ auf -im parallel zum Mischklassen-Akkusativ auf -em zuzulassen, auch wenn die reinen i-Stämme ursprünglich nur wenige lateinische Wörter umfassen. Wie gesagt, man kann durchaus phonetisch-phonologisch argumentieren, dass die griechischen Endungen, die das Phonem /i/ enthalten, sehr an die lateinischen i-Stämme erinnern. Vielleicht waren das ja auch Spellcheckers Gedankengänge. Man könnte spekulieren, dass ein Cicero, Ovid und Seneca möglicherweise die Form LYSIM (vgl. den deutschen Plural Schemata) verwendet hätten, während das gemeine Volk wahrscheinlich eher LYSEM (vgl. den deutschen Plural Schemas) gesagt hätte. Und Beides wäre richtig.

Was hältst du von meiner Argumentation, Linhart?


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linhart Offline




Posts: 2.463

Sun Oct 09, 2011 3:13 pm
#8 RE: LYSIS: Akkusativ auf -IM? Quote · reply

Dass Lysim bei der zweiten Perseus-Stelle eigentlich eine Abkürzung ist, habe ich genauso wie die Perseus-Software übersehen. Ich muss aber sagen, dass ich ein gewisses Verständnis dafür habe, weil mir beim "Lesen" von L&S mit Hilfe meines Programms auch des Öfteren die Unterscheidung von Abkürzungen und Satzenden zu schaffen macht. Das ist im Allgemeinen ein ziemlich schwieriges Problem. In diesem konkreten Fall wäre es allerdings relativ leicht gewesen, weil auf den Punkt nach Lysim unmittelbar ein Beistrich folgt, und das kann bei einem Satzende nicht vorkommen.

Trotzdem gebe ich dir recht, dass es einer anscheinend ziemlich renommierten Internetseite wie Perseus eigentlich nicht würdig ist, solche Fehler zu machen. Ich fühle mich aber nicht dazu berufen, diesen Leuten auf die Finger zu klopfen.

Bezüglich der Gültigkeit von LYSIM schwanke ich immer noch, neige aber jetzt doch wieder mehr zur positiven Seite.

Na ja, es wird noch viele Wörter geben, die sich in einem Randbereich befinden, genauso wie im Deutschen und wahrscheinlich in jeder anderen Sprache.


Bussinchen Offline




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Sun Oct 09, 2011 3:23 pm
#9 RE: LYSIS: Akkusativ auf -IM? Quote · reply

Zitat von linhart
1.) Trotzdem gebe ich dir recht, dass es einer anscheinend ziemlich renommierten Internetseite wie Perseus eigentlich nicht würdig ist, solche Fehler zu machen. Ich fühle mich aber nicht dazu berufen, diesen Leuten auf die Finger zu klopfen.

2.) Na ja, es wird noch viele Wörter geben, die sich in einem Randbereich befinden, genauso wie im Deutschen und wahrscheinlich in jeder anderen Sprache.



zu 1.: Ja, das verstehe ich schon, und der Zeitaufwand spielt ja auch immer eine Rolle. Aber wenn alle Perseus-User so denken, dann wird es nie Verbesserungen geben... Weil die Perseusler dann denken, alles sei wunderbar und einwandfrei... Kritik sollte ja nicht als "auf die Finger klopfen" gewertet werden, sondern als Chance zur Weiterentwicklung und Verbesserung. Genau wie wir unserem Scotty nicht "auf die Finger klopfen", wenn wir einen Bug in seinem Programm gefunden haben, sondern dies als Chance sehen, das Programm zu verbessern! Wie soll man denn sonst vorgehen, wenn man nur aus falsch verstandener Höflichkeit den Mund hält...

Also vom Prinzip her sehe ich das so. Dass wir es dann aber wahrscheinlich dabei bewenden lassen und darüber hinwegsehen, weil uns einfach die Zeit dazu fehlt, uns mit eventuellen Verbesserungen und Bugfixes auf der Perseus-Seite herumzuschlagen, während wir eigentlich mit dem latin.dic beschäftigt sind, ist ein anderes Problem. ;-)


zu 2.: So ist es. Damit müssen wir leben. Leider...

Im Lateinischen wird es wahrscheinlich noch mehr Fälle dieser Art geben als im Deutschen, eben weil es sich nicht um eine moderne, sondern um eine alte Sprache handelt, wo wir zusätzlich zu den normalen Zweifelsfällen auch noch mit Fragen der Überlieferung (verderbten Handschriften, unterschiedlichen Lesarten, diversen Konjekturen und Emendationen) konfrontiert werden.


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Bussinchen Offline




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Wed Jan 04, 2012 6:37 pm
#10 RE: LYSIS: Akkusativ auf -IM? Quote · reply

Im 1. Band der Formenlehre der lateinischen Sprache von Friedrich Neue lese ich gerade auf Seite 477ff
http://www.archive.org/stream/formenlehr...ge/476/mode/2up :

Die Griechischen Nomina auf -is haben neben der Lateinischen Form des Accus. auf -im, von welcher unter 55 gesprochen ist, die Griechische auf -in: Poesin, dioecesin, [...]

Hier werden nicht ausschließlich Eigennamen, sondern auch ganz normale Substantive behandelt.
Speziell das Wort LYSIS wird jedoch nicht genannt.

Was machen wir mit dieser neuen Erkenntnis, Linhart?


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linhart Offline




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Wed Jan 04, 2012 7:09 pm
#11 RE: LYSIS: Akkusativ auf -IM? Quote · reply

Ich halte mich bei diesen Fragen in erster Linie an Georges, wo Sonderformen der griechischen Deklination anscheinend systematisch angegeben sind. So findet man dort z.B. den Akkusativ dioecesin.


Bussinchen Offline




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Wed Jan 04, 2012 7:19 pm
#12 RE: LYSIS: Akkusativ auf -IM? Quote · reply

Das bestätigt ja, was Neue schreibt.

Ist demnach LYSIN auch gültig?


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linhart Offline




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Wed Jan 04, 2012 7:28 pm
#13 RE: LYSIS: Akkusativ auf -IM? Quote · reply

Für LYSIN finde ich keinen Beleg in Georges.


Bussinchen Offline




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Wed Jan 04, 2012 8:32 pm
#14 RE: LYSIS: Akkusativ auf -IM? Quote · reply

Ich meinte: LYSIN als Analogiebildung zu DIOECESIN...

Im Georges steht ja herzlich wenig: http://www.zeno.org/Georges-1913/K/Georges-1913-02-0744 bzw. http://www.zeno.org/Georges-1913/A/lysis+%5B1%5D

Vom Georges kriegt man ja eigentlich nur LYSIS als Nominativ und Genitiv, und LYSI als Ablativ, mehr nicht.

Schau dir bitte mal zum Vergleich den L&S-Eintrag DIOECESIS an:

dĭœcēsis, is, f., = διοικησις.
I. A governor's jurisdiction, a district, Cic. Fam. 3, 8, 4 ( ib. 13, 53 and 67, written as Greek); Cod. Theod. 7, 6, 3; Amm. 17, 7, 6.—
II. In eccl. Lat., a bishop's jurisdiction, a diocese, Sid. Ep. 7, 6 med. ; sometimes also a parish, id. ib. 9, 16.


Der ist dem LYSIS-Eintrag verdammt ähnlich!
• Nominitiv auf -is, Genitiv auch auf -is, Genus: feminin.


Ich könnte ja mal bei Cicero Fam. 3, 8, 4 nachschauen, was da für eine Kasusform belegt ist...


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linhart Offline




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Wed Jan 04, 2012 9:02 pm
#15 RE: LYSIS: Akkusativ auf -IM? Quote · reply

Bei den meisten der von F. Neue angeführten Formen auf -in findet man auch einen entsprechenden Hinweis in Georges, aber leider nicht bei allen. Z.B. steht bei capparis "Akk. im".

Die griechischen Beugungsformen werden uns sicher noch viel Kopfzerbrechen machen. Ich habe normalerweise einfach die Angaben der Spellcheckerdatei übernommen, aber die sind bestimmt nicht besonders gut recherchiert.


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